Von Kathrin Schömer
Seine Bauten prägen Manhattan, sein Gesicht indes war kaum bekannt. Er galt als Antithese zum Stararchitekten, als versierter Pragmatiker, der beim Entwerfen stets einen Fokus auf die Verbesserung des Stadtraumes legte. David M. Childs, langjähriger Partner von Skidmore, Owings & Merrill (SOM) und Architekt des One World Trade Center, ist am 26. März 2025 im Kreis seiner Familie an den Folgen einer Lewy-Körperchen-Demenz verstorben. Er wurde 83 Jahre alt.
David Magie Childs wurde am 1. April 1941 in Princeton, New Jersey, geboren. Er studierte zunächst Zoologie – ein Vortrag von Architekturhistoriker Vincent Scully begeisterte ihn, seinem in der New York Times erschienenen Nachruf zufolge, jedoch für seine spätere Profession. 1967 schloss er sein Architekturstudium in Yale ab. Anschließend engagierte er sich in einer Präsidialkommission für die Transformation der Pennsylvania Avenue in Washington. Dort lernte er seine zukünftigen Mentoren kennen: Patrick Moynihan, der Senator in New York werden sollte, und Nathaniel A. Owings.
Letzterer holte ihn 1971 an Bord des von ihm 1931 in Chicago mitgegründeten Architektur- und Ingenieurbüros SOM, zunächst um die Niederlassung in der US-amerikanischen Hauptstadt aufzubauen. 1984 wechselte Childs dann als Senior Design Partner zu SOM New York. Die Planung des One Worldwide Plaza im Stadtteil Hell’s Kitchen war sein erstes größeres Projekt. Der postmoderne Büroturm mit 47 Stockwerken und mehrfach zurückspringender Backsteinfassade wurde 1989 fertiggestellt. Es folgte eine Vielzahl nationaler wie internationaler Großprojekte.
Die meisten seiner Entwürfe – SOM-typisch natürlich größtenteils Wolkenkratzer – stehen jedoch in New York. Darunter auch die gefeierte Moynihan Train Hall der Pennsylvania Station, für die SOM nach Grundlagen aus der Feder Childs Teile des alten Postgebäudes nahe Madison Square Garden in eine ans 19. Jahrhundert erinnernde Bahnhofskathedrale verwandelte. Und seine beiden Bauten am Ground Zero, mit denen baulich und psychologisch Lücken geschlossen wurden, die der Terrorangriff vom 11. September 2001 hinterlassen hatte.
Auf hohes mediales Echo traf das, vom Pächter und Bauherrn Larry A. Silverstein initiierte, vermeintliche Kräftemessen gegen Daniel Libeskind. Dessen Büro hatte sich ursprünglich im Wettbewerb um das damals noch Freedom Tower genannte One World Trade Center durchgesetzt. Der einschließlich des Sendemasts symbolische 1.776 Feet (umgerechnet 541,3 Meter) messende, höchste Turm der USA wurde letztlich nach einem auf Libeskinds Idee basierenden Entwurf von David M. Childs realisiert.
Kritiker*innen gilt das gläserne Ausrufezeichen mit bombensicherem Sockel als Symbol einer zwischen verschiedenen Interessen zerriebenen Architektur, bei der Angst und Ökonomie über die Kreativität obsiegten. Die jährlichen Tourismusströme zum Ground Zero und ihr bildgewaltiger Nachhall im Internet hingegen erzählen eine andere Geschichte. Childs selbst beschrieb sein Hochhaus bei Veröffentlichung der Pläne 2005 bescheiden als Pylon zur angrenzenden Gedenkstätte. Es hole den Himmel und die Tragödie, die sich darin abgespielt hatte, subtil ins Bewusstsein.
Als einziger Partner in der Firmengeschichte stand Childs Skidmore, Owings & Merrill zweimal als Chairman vor, von 1991 bis ’93 und von 1998 bis 2000. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2022 blieb er dem Unternehmen als beratender Partner erhalten. Er war unter anderem Vorsitzender der Commission of Fine Arts in Washington und Fellow des American Institutes of Architecture. Zudem engagierte er sich in den Vorständen der American Academy in Rom, des Museum of Modern Art, des National Building Museum und der Architectural League.
...geben nicht die Meinung der Redaktion wieder, sondern ausschließlich die ihrer jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser.
1
Arcseyler | 02.04.2025 19:00 Uhrwww.
Ich finde der Freedomtower in New York hebt sich in seiner Metamorphose selbst auf, erreicht bei weitem nicht die selbstbewusste Räumlichkeit des ehemaligen WTCs.