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02.04.2025

Buchtipp: Die Welt unter einem Dach

The Global Turn. Six Journeys of Architecture and the City 1945-1989


Ist Globalisierung inzwischen ein Reizwort? Und wenn ja, wie führen wir künftig Debatten über die Vernetzung der Welt? Vor Kurzem lieferten Tom Avermaete und Michelangelo Sabatino neues Vokabular: Mit ihrem Buch The Global Turn (Die Globale Wende) skizzieren die beiden Architekturhistoriker markante Eckpunkte des letzten Jahrhunderts – und umkreisen dabei sechs Begriffe: Kollaboration, Konsum, Mobilität, Wissen, Konstruktion und Handwerk.

Diese strukturieren das thematisch aufgeladene Buch, in dem sich die Autoren mit ihren quellenreichen Essays abwechseln. Avermaete lehrt Geschichte und Theorie des Städtebaus an der ETH, Sabatino führt den Lehrstuhl für Architekturgeschichte des Illinois Tech. Im Vor- und Schlusswort schreiben die Theoretiker Mark Jarzombek (MIT) und Leonardo Zuccaro Marchi (Polytechnikum Mailand).

Die heißeste Phase der Globalisierung verorten die Autoren in einem Zeitraum, der zumindest im deutschsprachigen Raum Erinnerungen weckt: Mit den Jahren 1945–1989 werden das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Mauerfall als Kenndaten für die globale Wende umrissen. Doch darf man nicht davon ausgehen, dass die Geschichten thematisch in Deutschlands Nachkriegszeit verharren. Vielmehr schauen sie ins Römische Reich, streifen das Mittelalter und verweisen auf die Gegenwart.

So beginnt zum Beispiel das Kapitel Wissen, in dem die Reproduktion von Architekturmotiven in den Massenmedien diskutiert wird, mit einer Anekdote zu Le Corbusiers „Grand Tour“ von 1910. Erst nach einer zweiten Lektion, zur Technik des Gipsabdrucks, die erstmals in der Antike zum Verbreiten von architektonischen Details genutzt wurde, findet sich der Autor in den besagten Zeitraum ein. Solche Exkurse vergrößern die Themenvielfalt noch einmal, doch unterstützen sie auch eine der Thesen des Buchs: Dass das Feld der Architektur seit Jahrtausenden ein Motor für den interkulturellen Austausch ist und entscheidend zur Globalisierung beigetragen hat.

Daneben handeln die Essays von technischen Erfolgen aus den USA, Frankreich und England, den „westlichen“ Playern des letzten Jahrhunderts, und beleuchten zumindest kurz deren Kulturimporte aus Ländern wie Brasilien und Japan. Im Fokus steht dabei immer die Stadt und deren Gestalt – es geht um CIAM, Neufert und Betonfertigteile, um Flughäfen und Rolltreppen. Doch finden sich auch Referenzen zum massenproduzierten Spielbaustein Lego oder der Kinderserie „Die Peanuts“, die die Eintönigkeit von Vorstadtsiedlungen einfängt.

Nicht nur inhaltlich ist das Buch umfassend gestaltet: Mit seinem ansprechenden Schriftbild, einer ikonischen Bildauswahl und dem handlichen Format möchte man es am liebsten immer mit sich tragen. Für den Lesefluss ist das gar nicht so schlecht, so lassen sich die teils ausschweifenden Einblicke unabhängig voneinander und ganz bequem in ein paar freien Minuten in der Bahn lesen und verstehen.

Letztlich konfrontiert das Buch die Leserschaft mit der inhaltlichen Vielfalt des Architekturstudiums. The Global Turn lenkt den Blick auf einige, zwar durchaus eurozentrierte, aber dennoch anregende Sichtweisen. Wer sich auf die Kapitel einlässt, kann nicht nur seine Basics in Designtheorie auffrischen, sondern entdeckt vielleicht sogar die ein oder andere neue Perspektive auf das postindustrielle Zeitalter.

Text: Tim Gebhardt

The Global Turn
Six Journeys of Architecture and the City 1945–1989

Tom Avermaete, Michelangelo Sabatino
Gestaltung: Studio Joost Grootens
Englisch

240 Seiten
nai010 publishers, Rotterdam 2024
ISBN 978-94-6208-583-1
24,95 Euro


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